wieallesbegann


Meine Geschichte beginnt eigentlich schon bevor sie erst richtig anfängt...

 

Mit den Schmerzen begann es im August 2000. Ich war damals gerade mal 11 Jahre alt wir bin mit meiner Familie in die Schweiz zum Urlaub machen gefahren. Immer wieder tat mir mein Sprunggelenk weh. Mal stark, mal schwach. Die Ursache für die Schmerzen schoben wir auf das Wandern und Bergsteigen. Immerhin waren es Bewegungen, die ich nicht gewohnt war.
Wir kamen vom Urlaub zurück und die Schmerzen waren immer noch da. Meine Mutter ging mit mir zum Hausarzt. Dieser meinte, ich habe eine Sehnenverkürzung. Er zeigte mir verschiedene Übungen, die ich nun täglich machen musste. Natürlich machte ich diese Übungen nicht gerne. Irgendwie hatte ich schon so ein Gefühl, dass diese nicht helfen.
Die Schmerzen ließen nicht nach und so gingen wir wieder zum Arzt. Diesmal wurden sie auf das Wachstum geschoben. Ich bekam eine Salbe zum einreiben und wurde wieder fortgeschickt.
Mittlerweile war es Winter. Ich kam eines Tages vom Schlitten fahren nach Hause. Mir tat mein Sprunggelenk wieder weh und ich sagte zu meiner Mama, dass mir ein Kind mit dem Schlitten über den Fuß gefahren ist. Daraufhin sind wir dann wieder zu unserem Hausarzt gegangen und dieser schickte uns endlich zum Röntgen.
Am 02. Februar 2001 sind wir ins Krankenhaus nach Selb gefahren zum Röntgen. Der Arzt im Krankenhaus meinte, es könnte sich vielleicht um eine Zyste handeln. Diese würde man operativ entfernen, ich bekäme einen Gips und müsste ein paar Wochen auf Krücken laufen. Das war dann das Größte für mich. Schon immer mal wollte ich auf Krücken laufen und in der Schule den Aufzug benutzen. Auf den Gips könnten dann alle unterschreiben und eine kleine Narbe hätte ich durch die OP auch gehabt. Noch wusste ich nicht, dass ich von allen bald genug bekommen werde.
Zur Sicherheit wollte der Arzt allerdings noch ein Kernspint machen und schickte uns zu einem Orthopäden. Damit mein Fuß ein wenig geschont wurde, bekam ich bunte Krücken – meine Begleiter für lange Zeit.
Die nächsten Tage bis hin zum Termin beim Orthopäden bekam ich von meiner Mama Quark-Umschläge, die die Schmerzen lindern sollten.
Am 05. Februar fuhren wir dann zu einem Orthopäden nach Bayreuth. Dort wurde ein Kernspint von meinem Fuß gemacht. Zwei Tage später sind wir nach Hof zu einem anderen Arzt gefahren, der noch eine Computertomographie von meinem ganzen Körper gemacht hat. Außerdem wurde meine Lunge geröntgt.
Am 08. Februar sollten wir dann zur Besprechung wieder kommen. Wir sind wieder nach Hof gefahren. Meine Eltern und ich saßen dort in einem Behandlungszimmer und warteten auf den Arzt. Als wir endlich dran waren, zeigte er uns die Aufnahmen vom Kernspint und der Computertomographie und stellte die vermutliche Diagnose: „Knochentumor, zu 90 % bösartig!!!“ Ich habe damals nicht begriffen, dass ein Tumor gleich Krebs ist. Ich habe deshalb auch nicht verstanden, warum mein Papa Tränen in den Augen hatte. Ich habe meinen Papa noch nie weinen sehen!

Es gibt Momente im Leben, da steht die Welt für einen Moment still,
und wenn sie sich dann weiter dreht, ist nichts mehr, wie es war.

Der Orthopäde aus Hof empfahl uns einen Spezialisten für Knochentumore. Dieser Spezialist arbeitet im Uniklinikum Tübingen. Meine Eltern und ich entschlossen uns, dorthin zu fahren.
Ich bin am 09. Februar zum letzten Mal für lange Zeit in die Schule gegangen. Natürlich habe ich geglaubt, dass ich bald wieder komme. Der Rektor hat mir dann, eine Woche vor allen anderen Schülern, bereits mein Zwischenzeugnis gegeben. Außerdem hat er mir das Buch „Die Geschichte einer Straße“ geschenkt.

Zu Hause haben wir nun unsere Koffer gepackt. Es war schwierig, denn wir wussten ja nicht, was uns erwartet. Von meinem Cousin habe ich mir den Gameboy ausgeliehen. Außerdem wollte meine Mama unbedingt, dass ich die Schulsachen mitnehme. Und natürlich durfte Pauline – mein Kuschelhund – nicht fehlen. Auch wurde unsere ganze Verwandtschaft über mein Schicksal informiert. Und die Oma wurde gebeten, sich um meine Geschwister zu kümmern während wir in Tübingen sind.

Mit Sack und Pack sind wir am Dienstag, den 13. Februar auf nach Tübingen. Vier Stunden waren wir unterwegs. Und dann mussten wir erst mal das Uniklinikum finden. Nach ein paar Irrfahrten sind wir dann doch angekommen und haben uns angemeldet. Nun hieß es warten. Ich hatte keine Lust mehr. Erst sind wir so lange im Auto unterwegs und dann auch noch diese lange rumsitzen. Irgendwann sind wir dann endlich drangekommen. Der Professor schaute sich die Röntgenbilder an. Die vermutliche Diagnose verstärkte sich. Um 100%ige Gewissheit zu haben, sollte eine Probeentnahme genommen werden. Gleich für den übernächsten Tag wurde ich mit auf den OP-Plan genommen.
Ich wurde nun stationär aufgenommen und bekam ein Zimmer auf der orthopädischen Station. Dort waren bereits der kleinwüchsige Ümit und Andrea, die geistig behindert ist. Meine Eltern kamen im nahegelegenen Geschwisterhaus unter. Bei Mama war es sicher, dass sie bei mir bleibt. Papa musste leider nach einigen Tagen zurück nach Hause. Ich habe ja noch zwei Geschwister, die versorgt werden müssen.
Den Tag vor der Probeentnahme verbrachten wir im Krankenhaus. Ich habe viel mit dem Gameboy gespielt. Mama hat mit dem ersten Buch zu lesen begonnen und der Papa hatte seine Zeitungen. Am Abend habe ich einen Einlauf bekommen. Mit meinem Buch „Die Geschichte einer Straße“ bin ich zur Toilette gewandert und es hat mich durchgeräumt. Meine Mama hat sich schon gewundert, warum ich so lange weg war. Aber es war das Buch, das so interessant war. So habe ich einfach die Zeit vergessen.

Am 15. Februar bekam ich das erste Mal in meinem Leben eine Narkose. Gleich zum Frühstück bekam ich ein paar Tropfen, die mich müde machen sollen. Aber ich war ganz aufgeregt, weil es so viel Neues auf einmal war. Zuerst musste ich in das komische OP-Hemd schlüpfen. Ich konnte mit diesem Hemdchen gar nicht alleine laufen. Da das Hemd hinten offen war und ich Krücken benutzen musste, konnte ich den Schlitz nicht selbst zuhalten. Mama oder Papa mussten also mit!
Endlich kam dann die Krankenschwester, um mich für die Operation abzuholen. Meine Eltern durften bis zur Schleuse mitgehen und mussten dann tschüss sagen. Mir fiel der Abschied nicht schwer, denn ich war so neugierig, was mich hinter der Schleuse alles erwartet. Im Vorbereitungszimmer wurde mir ein Zugang gelegt und die Überwachungselektroden angelegt. Mit den Schwestern und Pflegern habe ich geplaudert und wollte alles sehen, was sie tun. Aber auf einmal hatte ich eine Maske über dem Gesicht und bin eingeschlafen.
Als ich irgendwann wieder zu mir gekommen bin, lag ich schon wieder in meinem Zimmer und Mama und Papa waren da. Die Narkose habe ich gut vertragen. Ich durfte wieder was trinken und nach einer Weile auch wieder essen. Ich war nämlich schon kurz vorm verhungern. Schmerzen hatte ich noch keine, denn die waren durch die Narkose noch unterdrückt. Aber der nächste Tag war dann höllisch. Mir tat die Schnittwunde sehr weh. Außerdem hatte ich noch einen Schlauch im Bein, damit die Wundflüssigkeit abfließen konnte. Als dieser endlich gezogen wurde, ging es mir allmählich besser.
Da wir jeden Tag mit dem Ergebnis der Probeentnahme rechnen mussten, sind wir nicht nach Hause gefahren. Außerdem wurden alle möglichen Untersuchungen gemacht, so dass wir viel zu tun hatten. Papa und meine Geschwister haben uns am Wochenende besucht und wir haben viel zusammen unternommen. Und zu dieser Zeit war ja Fasching, so dass auf der Station einiges los war.
Am 23. Februar dann endlich erhielten wir den Befund. Die Probeentnahme hat die vermutliche Diagnose bestätigt. In meinem Bein sitzt ein bösartiger Knochentumor, ein Osteosarkom. Zum Glück wurde er rechtzeitig entdeckt. Der Tumor hatte nämlich noch keine Metastasen gestreut.
Das Wochenende über wurde ich beurlaubt und habe bei Mama im Geschwisterhaus gewohnt.

Ich wurde am 27. Februar in die Kinderklinik Tübingen aufgenommen. Ich bin etwas erschrocken, als ich die Kinder mit Glatze gesehen habe. Ich wusste immer noch nicht, dass ich bald genauso aussehen werde. Von der zuständigen Ärztin wurden wir eingewiesen. Wir bekamen erste Infos zur Chemotherapie. Ich habe da allerdings nicht viel mitbekommen. Ich wollte nur noch ein Bett und Gameboy spielen.
Bei einem Punkt musste ich allerdings zuhören. Es ging um einen zentralen Venenkatheter. Über diesen kann mir Blut abgenommen oder die Medizin verabreicht werden, ohne dass ich andauern neu gestochen werden musste. Die Ärztin stellte uns zwei Möglichkeiten vor: Den Port und den Hickman. Der Port wird unter der Haut eingepflanzt und mit den Venen verbunden. Bei jeder Infusion wird er neu angestochen. Beim Hickman dagegen wird auch ein Schlauch in die Vene geschoben. Allerdings kommt dieser Schlauch an der Brust heraus und muss dort steril abgeklebt werden. Alle Infusionen können dann problemlos an dem Schlauchende angeschlossen werden.
Natürlich habe ich mich für den Hickman entschieden, denn so musste ich nie wieder gestochen werden.
Schon am nächsten Tag, den 28 Februar, wurde ich wieder in den OP geschoben und bekam den Hickman einoperiert. Nachdem ich wieder ganz wach war, habe ich das neue Objekt in meinem Körper genau begutachtet. Ich bekam einen Beutel, in dem man das Ende des Schlauches verstauen konnte. Ich musste ja von nun an aufpassen, damit ich nirgends hängen bleibe. Sonst könnte ich mir womöglich den Hickman herausreißen.


       Ich wusste nicht, was mir bevorstand, aber ich sagte, dass mache ich, ich will noch nicht sterben.



 

  

 

 

 

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